Title:

Marienkind

Description:  Das Mädchen verfiel in einen tiefen Schlaf, und die Jungfrau trug es herab auf die Erde. Als es erwachte, war der glänzende Himmel verschwunden. Es befand sich unter einem hohen Baum, rings war dichtes Gebüsch und kein Ausweg zu finden.
Author:Brüder Grimm
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Marienkind (1810)


Vor einem großen Wald lebte ein armer Holzhacker mit seiner Frau, die hatten ein kleines Mädchen von drei Jahren. Sie waren aber beide so arm, dass sie es nicht ernähren konnten. Der Holzhacker ging in großer Traurigkeit zu dem Wald, er dachte nur immer in Angst, wie es mit seinem Kindlein werden möge, und war so mitten in das grüne Dickicht gekommen. Da stand auf einmal eine schöne Frau vor ihm. Ein heller Glanz leuchtete um ihr Gesicht, sie trug eine Krone von lauter Sternen, und ihr Kleid war himmelblau mit silbernen Sternen besät. Sie sprach zu ihm »Ich bin die Jungfrau Maria. Ich weiß, dass du dein Kindlein nicht ernähren kannst. Bring es zu mir her, ich will es mit mir nehmen und seine Mutter sein«. Eilig lief der Holzhacker nach Haus und führte das Kind in den Wald. Anfangs fürchtete es sich, wie es die glänzende Frau sah. Aber bald ging es zu ihr und fasste sie an der Hand. Die Jungfrau Maria nahm das Kind mit sich in den Himmel. Dort erhielt es goldene Kleider, und die Engel kamen und spielten mit ihm. So lebte es lang in großer Freude und Herrlichkeit bis in sein vierzehntes Jahr. Da musste die Jungfrau Maria eine weite Reise tun. Sie ging zudem Kind und sprach: »Liebes Kind, ich muss eine weite Reise tun, hier hast du die goldenen Schlüssel. Du darfst alle Türen des Himmels aufschließen und hinein gehen, nur in eine einzige nicht, die dieser kleine Schlüssel aufschließt«.

Darauf ging sie weg und ließ das Kind allein. Dieses nahm die Schlüssel, öffnete jeden Tag eine andere Tür und freute sich, wie es die schönen himmlischen Wohnungen erblickte. Endlich hatte es alle Türen aufgeschlossen, nur die verbotene war noch übrig. Lange wollte es nicht, endlich aber konnte es seiner Neugierde nicht widerstehen. Es nahm den kleinen Schlüssel und schloss die Türe auf. Da erblickte es in unbeschreiblichem Glanz und Herrlichkeit die Dreifaltigkeit sitzen. Geschwind machte es die Türe wieder zu, aber sein Herz war voller Angst, die immer zunahm und ihm keine Ruhe mehr ließ.
Bald darauf kam die Jungfrau Maria von der Reise zurück. Nachdem sie die Schlüssel wieder empfangen hafte, fragte sie: »Hast du auch nicht die verbotene Tür aufgeschlossen?« »Nein«, sagte das Kind. Da legte Maria die Hand auf sein Herz, das schlug gewaltig, und sie sah wohl, dass es doch das Gebot übertreten hatte. Sie fragte noch einmal, aber das Kind antwortete wieder: »Nein, ich bin nicht da gewesen«. Da sprach sie: »Du bist nicht mehr würdig im Himmel«.

Das Mädchen verfiel in einen tiefen Schlaf, und die Jungfrau trug es herab auf die Erde. Als es erwachte, war der glänzende Himmel verschwunden. Es befand sich unter einem hohen Baum, rings war dichtes Gebüsch und kein Ausweg zu finden. In großer Betrübnis und Stillschweigen, denn es war stumm geworden, brachte es die Tage hin und ernährte sich von Wurzeln und Waldbeeren. Im Baum fand es eine Höhle, in welcher es schlief. Als der Herbst anbrach, sammelte es all die Blätter, die vom Baum fielen, und trug sie in die Höhle. Dann sammelte es Wurzeln und brachte so in dem Baum sitzend den ganzen Winter zu. Eben war der Frühling angekommen, und die Zweige begannen grün zu werden, als es aus der Höhle heraus ging und sich in die Sonne vor den Baum setzte. Seine goldenen Haare hingen lang herunter bis zu dem dunkelroten Sammetkleid, das es auch im Himmel getragen hatte. So saß es still in unbeschreiblicher Schönheit, als der König des Landes durch die Wildnis geritten kam. Er wurde gerührt von der schönen Gestalt und fragte, wer sie sei. Aber das Mädchen konnte ihm nicht antworten und sah ihn nur mitleidig an. Er nahm es zu sich auf sein Ross und führte es in seine Burg. Dort wurde es seine Gemahlin.

Nach Verlauf eines Jahres gebar die Königin einen jungen schönen Prinzen. Der König und das ganze Land waren sehr erfreut. Des Nachts aber, die die Königin allein mit dem Kind ist, erscheint die Jungfrau Maria in ihrer Sternenkrone und in dem Sternenkleid vor dem Bett und spricht zu ihr: »Sieh“, du bist doch nicht glücklich, du kannst nicht sprechen. Gestehe mir, dass du die Tür geöffnet hast, oder ich nehme dein Kind mit mir.« Sie antwortet dennoch »nein«, und Maria trug das Kind mit sich fort. Am anderen Morgen ist der König sehr erschrocken, als der Prinz fehlt. Die Königin ist sehr betrübt, bleibt aber stumm. Die Räte wollen, dass sie verbrannt werde, weil sie das Kind gefressen habe. Der König kann sich aber nicht dazu entschließen.

Über ein Jahr bringt sie wieder einen Prinzen zur Welt. Die Jungfrau Maria er scheint, und da die Königin im Leugnen verharrt, nimmt sie auch dieses Kind mit.

Die Räte drängen jetzt darauf, die Menschenfresserin zu bestrafen, aber der König wehrt es noch einmal ab. Ein Jahr darauf gebiert die Königin eine Prinzessin. Alles ist wie das vorige Mal. Da kann es der König nicht länger abwinden: Sie wird zum Scheiterhaufen verdammt. Schon stand die Königin auf dem Holz, wieder in das dunkelrote Kleid gekleidet und ihre goldenen Haare aufgelöst, da wurde ihr Herz bewegt, und sie dachte: »0h wie gern wollte ich jetzt alles gestehen«. Da tat sich ein Glanz vom Himmel, und die Jungfrau Maria kam daher gegangen in ihrer Pracht. Sie trug ein kleines Kind auf ihrem, Arm, zwei größere auf ihrer Seite. Sie trat zu der Königin und sprach: »Also willst du bekennen, dass du die verbotene Tür geöffnet hast?« Sie antwortete: »Ja«. Da gab ihr Maria die Kinder zurück. Die Königin erhielt die Sprache wieder und lebte Lange in großer Freude.

Das stumme Mädchen (1810)

Es war einmal ein armer Mann, der viele Kinder hatte. Der konnte nun einmal gar nichts verdienen, da hatten die Kinder kein Brot, und ihre Mutter verzehrte der Gram. Da beschloss der Mann bei sich, sein trauriges Leben zu beschließen. Er ging deshalb in einen Wald, so recht ins Dickicht, und wollte sich erhängen. Doch kaum hing der Strick, so kam eine Kutsche mit vier Rappen bespannt, und alles war schwarz an der Kutsche. Plötzlich hielt sie an, und eine ganz schwarze Jungfrau stieg heraus und fragte den Armen: »Was machst du da?« »Oh. ich will Holz holen«, spricht er. »Nein«, sagt sie, »das weiß ich besser, du willst dich erhängen«. Der Mann steht ganz zitternd vor ihr, da nimmt sie das Wort wieder und fragt: »Aber warum willst du dir das Leben nehmen?« »Ach«, spricht der Mann, »es geht mir gar zu schlimm, ich kann meine Frau und Kinder nicht mehr ernähren«. »Wenn weiter nichts ist«, spricht lächelnd die Jungfrau, »so geh nach Haus, da wirst du im Busch vor deiner Tür Geld genug finden, dafür musst du mir aber auch versprechen, mir das, was in deinem Haus verborgen ist, zu geben.« »Das will ich dir gern geben!« spricht freudig der Mann und eilt nach Hause, ohne der schwarzen Frau zu danken. Wie er zuhause ankommt, so geht er in den Busch und findet einen Sack voll Geld. Das trägt er heim, und verkündet der Frau sein Glück. Da hebt die Frau an zu jammern, ruft »mein Kind, mein Kind!« und klagt weiter: »Ach, was hast du getan, hast du nicht gedacht, dass ich ein Kind verborgen trage, das hat die Jungfrau gemeint«. Der Mann wird auch traurig, aber beiden hilft durch ein frommes Leben den Schlag von sich abzuwenden.

Da wird ein Mädchen geboren, und die schöne schwarze Jungfrau erscheint, ihr Eigentum zu holen. Die Frau erbittet sich ihr Kind bis zu drei Jahren von ihr, und so erhält sie sich“s noch einige mal bis das Mädchen 12 Jahre alt ist. Da nimmt es die Jungfrau ohne Barmherzigkeit mit. Sie fahren sehr lang, und endlich kommen sie in einen großen Wald, da kommen sie vor ein großes schwarzes Schloss. Sie steigen aus, und die Jungfrau sagt dem Mädchen: »Du sollst es gut bei mir haben, du kannst alles sehen und genießen und sollst nichts tun als kehren. Aber in diese Kammer darfst du niemals blicken, weder durchs Schlüsselloch oder sonst wie.«

Das Mädchen folgt vier Jahre mit dem strengsten Gehorsam, aber von Neugier auf die Kammer ständig gequält. Endlich blickt sie durch einen Spalt der Tür hinein, da erschrecken augenblicklich vier schwarze Jungfrauen, die schienen in Büchern vertieft zu sein. Da steht des Mädchens Herrin weinend vor ihr und sagt:

»Ich muss dich nun von mir stoßen und dich unglücklich machen, welchen Sinn oder welche Gabe willst du an dir verlieren?« Das Mädchen wählt die Sprache. Da schlägt die Frau das Mädchen aufs Maul, dass das Blut hervorquillt, und wirft sie aus dem Haus.

Es wird Abend, und das arme Kind muss unter einem Baum übernachten. Sie schläft gut und erwacht am Morgen fröhlich, die Sonne scheint freundlich. Da steht ein schöner Jüngling vor ihr. Der nimmt sie auf und will sie heiraten. Er ist aber ein Königssohn, und seine Mutter will es nicht erlauben. Er nimmt sie aber doch und lebt glücklich mit ihr. Da kommt sie nieder und hat einen Sohn geboren, worüber sich der König sehr freut, denn er war schön wie seine Mutter. Aber die Großmutter zürnte grimmig. Sie stellt sich freundlich und überredet den Sohn seine Frau des Nachts zu verlassen, sie will sie verpflegen. Dies geschieht, und so bald er weg ist, nimmt sie das Kind, wirft es in das Wasser, bespritzt der jungen Frau das Gesicht mit Blut und schreit um Hilfe. Der König kommt, und sie sagt ihm heulend: »Ach, was hast du eine Frau, sieh nur, sie hat ihr Kind gefressen, während ich schlief«.

Die junge Frau weint sehr, und der König verzeiht ihr. So geht es in der Folge mit noch zwei Kindern, da soll aber die Kinderfresserin verbrannt werden. Sie sitzt schon auf dem Scheiterhaufen, er brennt schon, da fliegt der schwarze Wagen herbei. Die schwarze Jungfrau tritt in die Flammen und sie erloschen. Sie schlägt der Königin wieder auf den Mund, und sie kann reden. Alles versammelt sich, und aus dem Wagen steigen noch drei schwarze Jungfrauen und jede bringt der Königin ein Kind, es waren ihre Kinder. Nun überhäufen sie die Frau mit Glanz und Reichtum und segnen sie. Die Jungfrauen stehen festlich gekleidet und sagen fröhlich, sie wären verwünscht gewesen. Die Königin hätte aber ihren Zauber gelöst und sie wären wieder glücklich. Da verlassen sie jauchzend ihre Pflegetochter, die alte Königin aber erstickt in Bosheit und Neid.

Marienkind (1857)

Vor einem großen Walde lebte ein Holzhacker mit seiner Frau, der hatte nur ein einziges Kind, das war ein Mädchen von drei Jahren. Sie waren so arm, dass sie nicht mehr das tägliche Brot hatten und nicht wusste, was sie ihm sollten zu essen geben. Eines Morgens ging der Holzhacker voller Sorgen hinaus in den Wald an seine Arbeit, und wie er da Holz hackte, stand auf einmal eine schöne große Frau vor ihm, die hatte eine Krone von leuchtenden Sternen auf dem Haupt und sprach zu ihm: „Ich bin die Jungfrau Maria, die Mutter des Christkindleins. Du bist arm und dürftig, bring mir dein Kind, ich will es mit mir nehmen, seine Mutter sein und für es sorgen.“ Der Holzhacker gehorchte, holte sein Kind und übergab es der Jungfrau Maria, die nahm es mit sich hinauf in den Himmel. Da ging es ihm wohl, es aß Zuckerbrot und trank süße Milch, und seine Kleider waren von Gold, und die Englein spielten mit ihm.

Als es nun vierzehn Jahr alt geworden war, rief es einmal die Jungfrau Maria zu sich und sprach: „Liebes Kind, ich habe eine große Reise vor, da nimm die Schlüssel zu den dreizehn Türen des Himmelreichs in Verwahrung: zwölf davon darfst du aufschließen und die Herrlichkeiten darin betrachten, aber die dreizehnte wozu dieser kleine Schlüssel gehört, die ist dir verboten: hüte dich, dass du sie nicht aufschließest, sonst wirst du unglücklich.“ Das Mädchen versprach, gehorsam zu sein, und als nun die Jungfrau Maria weg war, fing sie an und besah die Wohnungen des Himmelreichs: jeden Tag schloss es eine auf, bis die zwölfe herum waren. In jeder aber saß ein Apostel, und war von großem Glanz umgeben, und es freute sich über all die Pracht und Herrlichkeit, und die Englein, die es immer begleiteten, freuten sich mit ihm. Nun war die verbotene Tür allein noch übrig, da empfand es eine große Lust zu wissen, was dahinter verborgen wäre, und sprach zu den Englein: „Ganz aufmachen will ich sie nicht und will auch nicht hineingehen, aber ich will sie aufschließen, damit wir ein wenig durch den Ritz sehen“. „Ach nein“, sagten die Englein, „das wäre Sünde: die Jungfrau Maria hat’s verboten, und es könnte leicht dein Unglück werden." Da schwieg es still, aber die Begierde in seinem Herzen schwieg nicht still, sondern nagte und pickte ordentlich daran und ließ ihm keine Ruhe. Und als die Englein einmal alle hinausgegangen waren, dachte es: „Nun bin ich ganz allein und könnte hineingucken, es weiss ja niemand, wenn ich’s tue."

Es suchte den Schlüssel heraus, und als es ihn in der Hand hielt, steckte es ihn auch in das Schloss, und als es ihn hineingesteckt hatte, drehte es auch um. Da sprang die Türe auf, und es sah da die Dreieinigkeit im Feuer und Glanz sitzen. Es blieb ein Weilchen stehen und betrachtete alle; mit Erstaunen, dann rührte es ein wenig mit dem Finger an den Glanz, da ward der Finger ganz golden. Alsbald empfand es eine gewaltige Angst, schlug die Türe heftig zu und lief fort. Die Angst wollte auch nicht wieder weichen, es mochte anfangen, was es wollte, und das Herz klopfte in einem fort und wollte nicht ruhig werden. Auch das Gold blieb an dem Finger und ging nicht ab, es mochte waschen und reiben, soviel es wollte. Gar nicht lange, so kam die Jungfrau Maria von ihrer Reise zurück. Sie rief das Mädchen zu sich und forderte ihm die Himmelsschlüssel wieder ab. Als es den Bund hinreichte, blickte ihm die Jungfrau in die Augen und sprach:" Hast du auch nicht die dreizehnte Tür geöffnet“ „Nein", antwortete es. Da legte sie ihre Hand auf sein Herz, fühlte, wie es klopfte und klopfte, und merkte wohl, dass es ihr Gebot übertreten und die Türe aufgeschlossen hatte. Da sprach sie noch einmal: „hast du es gewiss nicht getan?" „Nein", sagte das Mädchen zum zweitenmal. Da erblickte sie den Finger, der von der Berührung des himmlischen Feuers golden geworden war, sah wohl, dass es gesündigt hatte, und sprach zum drittenmal: „Hast du es nicht getan?" „Nein", sagte das Mädchen zum drittenmal. Da sprach die Jungfrau Maria: „Du hast mir nicht gehorcht, und hast noch dazu gelogen, du bist nicht mehr würdig, im Himmel zu sein."

Da versank das Mädchen in einen tiefen Schlaf und als es erwachte, lag es unten auf der Erde. Mitten in einer Wildnis. Es wollte rufen, aber es konnte keinen Laut hervorbringen. Es sprang auf und wollte fortlaufen, aber wo es sich hinwendete, immer ward es von dichten Dornhecken zurückgehalten, die es nicht durchbrechen konnte.

In der Einöde, in welche es eingeschlossen war, stand ein alter hohler Baum, das musste seine Wohnung sein. Da kroch es hinein, wenn die Nacht kam und schlief darin, und wenn es stürmte und regnete, fand es darin Schutz: aber es war ein jämmerliches Leben, und wenn es daran dachte, wie es im Himmel so schön gewesen war, und die Engel mit ihm gespielt hatten, so weinte es bitterlich. Wurzeln und Waldbeeren waren seine einzige Nahrung, die suchte es sich, so weit es kommen konnte. Im Herbst sammelte es die herabgefallenen Nüsse und Blätter und trag sie in die Höhle, die Nüsse waren im Winter seine Speise, und wenn Schnee und Eis kam, so kroch es wie ein armes Tierchen in die Blätter, dass es nicht fror. Nicht lange, so zerrissen seine Kleider und fiel ein Stück nach dem andern vom Leib herab. Sobald dann die Sonne wieder warm schien, ging es heraus und setzte sich vor den Baum, und seine langen Haare bedeckten es von allen Seiten wie ein Mantel. So saß es ein Jahr nach dem andern und fühlte den Jammer und das Elend der Welt.

Einmal, als die Bäume wieder in frischem Grün standen, jagte der König des Landes in dem Wald und verfolgte ein Reh, und weil es in das Gebüsch geflohen war, das den Waldplatz einschloss, stieg er vom Pferd, riss das Gestrüppe auseinander und hieb sich mit seinem Schwert einen Weg. Als er endlich hindurchgedrungen war, sah er unter dem Baum ein wunderschönes Mädchen sitzen, das saß da und war von seinem goldenen Haar bis zu den Fußzehen bedeckt. Er stand still und betrachtete es voll Erstaunen, dann redete er es an und sprach: „Wer bist du? Warum sitzest du hier in der Einöde?" Es gab aber keine Antwort, denn es konnte seinen Mund nicht auftun. Der König sprach weiter: „Willst du mit mir aufs Schloss gehen?" Da nickte es nur ein wenig mit dem Kopf. Der König nahm es auf seinen Arm, trug es auf sein Pferd und ritt mit ihm heim, und als er auf das königliche Schloss kam, ließ er ihm schöne Kleider anziehen und gab ihm alles im Überfluss. Und ob es gleich nicht sprechen konnte, so war es doch schön und holdselig, dass er es von Herzen lieb gewann, und es dauerte nicht lange, vermählte er sich mit ihm.

Als etwa ein Jahr verflossen war, brachte die Königin einen Sohn zur Welt. Darauf in der Nacht, wo sie allein in ihrem Bette lag, erschien ihr die Jungfrau Maria und sprach: »Willst du die Wahrheit sagen und gestehen, dass du die verbotene Tür aufgeschlossen hast, so will ich deinen Mund öffnen und dir die Sprache wiedergeben. Verharrst du aber in der Sünde und leugnest hartnäckig, so nehm ich dein neugebornes Kind mit mir.“ Da war der Königin verliehen zu antworten, sie blieb aber verstockt und sprach: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht auf gemacht", und die Jungfrau Maria nahm das neugeborene Kind ihr aus den Armen und verschwand damit. Am andern Morgen, als das Kind nicht zu finden war, ging ein Gemurmel unter den Leuten, die Königin wäre eine Menschenfresserin und hätte ihr eigenes Kind umgebracht. Sie hörte alles und konnte nichts dagegen sagen, der König aber wollte es nicht glauben, weil er sie so lieb hatte.

Nach einem Jahr gebar die Königin wieder einen Sohn. In der Nacht trat auch wieder die Jungfrau Maria zu ihr herein und sprach: „Willst du gestehen, dass du die verbotene Türe geöffnet hast, so will ich dir dein Kind wiedergeben und deine Zunge lösen. Verharrst du aber in der Sünde und leugnest, so nehme ich auch dieses Neugeborne mit mir.“ Da sprach die Königin wiederum: „Nein, ich habe die verbotene Türe nicht geöffnet, und die Jungfrau nahm ihr das Kind aus den Armen weg und mit sich in den Himmel. Am Morgen, als das Kind abermals verschwunden war, sagten die Leute ganz laut, die Königin hätte es verschlungen, und des Königs Räte verlangten, dass sie sollte gerichtet werden. Der König aber hatte sie so lieb, dass er es nicht glauben wollte, und befahl den Räten bei Leibes- und Lebensstrafe, nicht mehr darüber zu sprechen.

Im nächsten Jahr gebar die Königin ein schönes Töchterlein, da erschien ihr zum drittenmal nachts die Jungfrau Maria und sprach: „Folge mir." Sie nahm sie bei der Hand und führte sie in den Himmel, und zeigte ihr da ihre beiden ältesten Kinder, die lachten sie an und spielten mit der Weltkugel. Als sich die Königin darüber freute, sprach die Jungfrau Maria: „Ist dein Herz noch nicht erweicht? wenn du eingestehst, dass du die verbotene Tür geöffnet hast, so will ich dir deine beiden Söhnlein zurückgeben." Aber die Königin antwortete zum drittenmal: „Nein, ich habe die verbotene Tür nicht geöffnet.“ Da ließ sie die Jungfrau wieder zur Erde hinabsinken und nahm ihr auch das dritte Kind.

Am andern Morgen, als es ruchbar ward, riefen alle Leute laut: „Die Königin ist eine Menschenfresserin, sie muss verurteilt werden", und der König konnte seine Räte nicht mehr zurückweisen. Es ward ein Gericht über sie gehalten, und weil sie nicht antworten und sich nicht verteidigen konnte, ward sie verurteilt, auf dem Scheiterhaufen zu sterben. Das Holz wurde zusammengetragen, und als sie an einen Pfahl festgebunden war und das Feuer ringsumher zu brennen anfing, da schmolz das harte Eis des Stolzes und ihr Herz ward von Reue bewegt, und sie dachte: „Könnt ich nur noch vor meinem Tode gestehen, dass ich die Tür geöffnet habe" da kam ihr die Stimme, dass sie laut ausrief: „Ja. Maria, ich habe es getan!" Und alsbald fing der Himmel an zu regnen und löschte die Feuerflammen, und über ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein zu ihren Seiten und das neugeborene Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr: „Wer seine Sünde bereut und eingestellt, dem ist sie vergeben“, und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge und gab ihr Glück für das ganze Leben.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
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